Dr. Petra Moser, Erziehungswissenschaftlerin:

Die Art und Weise, wie Christa Ludwig mit der Thematik verfährt, ist mir noch gar nie untergekommen.

 

Dr. Dorothee Lenkitsch-Gnädinger, Psychoanalytikerin:

Am Anfang tat ich mich schwer mit den abwechselnden Perspektiven von Vater und Tochter als Kinder. Wusste zunächst nicht, von wem da die Rede ist. Aber im Rückblick ist genau das, worum es geht: die Verwirrung der Kinder, dieses nicht Verstehen, nicht Durchblicken wer oder was man ist. Ist man Kind oder Erwachsener, beides gleichzeitig? Die namenlose Angst, das Ausgeliefertsein ohne Fluchtmöglichkeit, die Erstarrung als unausweichliche Folge.

Die Rolle der Mutter als ängstliche, nicht Schutz gebende Person, ist auch meisterhaft ausgeführt. Die ganzen Marotten im Umgang mit dem Kind erklären sich später, aber man nimmt teil an dessen Ärger und Ablehnung der Mutter, weil sie nicht nachvollziehbar ist.

Der Vater mit seinem Elend ist auch berührend dargestellt, vom Opfer zum Täter und dann die heroische Anstrengung, seine Tochter vor sich zu bewahren. Welch eine Leistung dieses unglücklichen Menschen. Seine guten wie schlechten Seite darzustellen in aller Differenziertheit ist meisterlich gelungen.

Aus meiner Sicht ist das wirklich große Literatur!

Von meiner langjährigen therapeutischen Arbeit mit missbrauchten Frauen kenne ich diese Elemente mit ihren langfristigen Folgen für die Beziehungsfähigkeit und die Ablehnung des eigenen Körpers. Für mich mindert sich mit diesem Buch der Druck, die tatsächlichen Ereignisse endlich zu erinnern. Es schadet auch, wenn einem nichts oder nur den anderen geschehen ist, weil die Atmosphäre so bedrohlich und unverständlich ist. Sprachlosigkeit als Lösungsversuch und Schutzmauer, was aber nicht taugt. Das Unbewusste durchdringt alle Mauern mühelos.

Verblüffend finde ich das Cover. Es sieht so aus, als dringe heller Milchkaffee durch die Spitzendecke. Und dann plötzlich gleicht es einem Vexierbild, es ist eine ganz normale Tischdecke auf beiger Tischplatte ohne jede Nässe. Dann kippt es wieder zurück. Jedenfalls bei mir. Das Kippen der Wahrnehmung versinnbildlicht: Hier stimmt gar nichts und es ist doch alles in Ordnung!

 

Thomas Koch, Fliegende Blätter GMbH Stuttgart:

Die Erzählung als Aneinanderreihung unterschiedlichster Ereignisse nimmt richtig Fahrt auf und zieht einen schon in den Bann  - mit der berühmten Frage, worauf es nun genau rausläuft.

An den Schreibstil mit den Perspektivwechseln muss man sich gewöhnen, aber es ist gut gemacht, wie sich die Geschichte immer mehr öffnet und am Ende wirklich rund wird.