Im Herbst 2018 erschienen ist der Roman Ein Bündel Wegerich in der neuen Reihe Oktaven, ein Imprint im Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart.

 

Es geht um die letzten Jahre der Else Lasker-Schüler in Jerusalem.

Die Journalistin und Autorin Anne Overlack, die über Lasker-Schüler promovierte, schreibt dazu:

 

Gleichzeitig beschreibt Christa Ludwig die Entourage von Lasker-Schüler, ihre Freunde und die um ihr Wohl so rührend besorgten Verehrer. Damals lebte man noch in einer Welt, in der Lyrik-Liebhaber ihre Leidenschaft für ein großes Gedicht bereitwillig auch auf dessen Schöpferin übertrugen. Der junge Verehrer, der Lasker-Schülers Kladden an sich nimmt und zunächst wohl beabsichtigt, sie herauszugeben, unterbricht die „autobiografischen“ Notizen der Autorin jeweils durch beschreibende und einordnende Kommentare, die dem Leser helfen sollen, in das Jerusalem der vierziger Jahre hineinzufinden. Wie lebten Araber und Juden damals miteinander? Wie verhielten sich die Briten? Wie gefährdet waren selbst die Juden, denen die Flucht aus dem Dritten Reich bereits gelungen war? Hier scheinen Tragödien auf, an denen nicht nur die fiktive Figur der Dichterin nachvollziehbar leidet. Und die Darstellung dieses Zeit-Kolorits und der Probleme, die es in Palästina damals gab (durch die Augen der Dichterin gesehen und dann wieder trocken kommentiert in den Notizen des Herausgebers), ist für mich ein wichtiger, nicht nur nebensächlicher Handlungsstrang.

Insgesamt gelingt der Autorin ein überzeugendes Zeit-Panorama, in dem die alternde Dichterin, die davon träumt, noch einmal ein vollendetes Liebesgedicht schreiben zu können, eine traurig-anrührende Rolle als die Seele aller Verzweifelten spielt.

 

 

Das Bücher Magazin fasst das Buch zusammen mit:

 

Eindrucksvolles und höchst kunstvolles Porträt einer eigenwilligen Dichterin, die Poesie und Leben radikal vereinte.

 

In seiner Bewertungsskala gibt das Magazin dem Buch höchste Punktzahl und zusätzlich das Label 'Grandios'.

 

Christa Ludwig wird für 'Ein Bündel Wegerich' mit dem Eichendorff Literaturpreis 2019 ausgezeichnet.

 

 

Lesungen aus dem Buch: Termine

 

Essay über die Entstehung des Romans: Knopfgedichte

 

Hier ein Ausschnitt aus dem Buch, der aus einer Kindheitserinnerung der Lasker-Schüler entstand:

 

 

Joseph hieß der glänzende, schwarze Knopf, nachtschwarz mit goldenen Punkten, mit goldenen Punkten wie Sterne.

Meine liebe Mutter hatte mir das Kästchen mit den Knöpfen geschenkt. Unter Schnörkeln aus poliertem Holz hausten

die Abgerissenen, die Herabgefallenen oder jene, die ihr fadenscheinig gewordenes Kleidungsstück überlebt hatten.

Die meisten waren runde Scheiben aus Holz mit zwei oder vier Löchern. Das waren die einfachen Leute. Sie passten an Schürzen, Arbeitshemden, Alltagskleider. Ging einer verloren, fand sich immer ein ähnlicher in der Schatulle, der seinen Dienst übernehmen konnte. Man suchte nicht lang nach dem Vermissten, irgendwann wurde er mit Brotkrumen und Kartoffelschalen zusammengekehrt, notdürftig gereinigt und in die Schatulle geworfen, auf die rechte Seite, in das

große Fach zu all den anderen schlicht durchlöcherten Scheiben, Werktagsknöpfe, die nur eine Aufgabe hatten in

diesem Leben, nämlich durch ein Knopfloch zu schlüpfen und zwei Teile eines Kleidungsstückes zusammenzuhalten.

 

Auf der linken Seite des Kästchens residierten in separaten, mit rotem Samt ausgeschlagenen Zimmern die feineren

Leute. Da hatte jede Familie ihren Wohnsitz, gleichartige, gleichfarbene Knöpfe in groß und klein, die großen hatten

sich einmal über Brust und Bauch eines Abendmantels gereiht, die kleinen breite Manschetten der Ärmel geschlossen. Kugeln, Halbkugeln aus Silber und Elfenbein, keiner von ihnen war durchlöchert, durchbohrt.

 

Auf ihrer Unterseite hatten sie ein kleines metallenes Plättchen, und daran war eine Öse befestigt, damit man auch sie annähen konnte an Taft, Flanell und Seide. Bei Joseph fehlte diese Öse, sie war irgendwann einmal abgebrochen, diese einzige Stelle, die seinen Sternenhimmel mit Stoff verband.

 

Wenn aus dieser Gesellschaft einer verlorenging, dann lagen sie auf den Knien, das Dienstmädchen und die Köchin, die Erzieherin und der Hauslehrer, krochen über Parkett und Teppiche, tasteten unter Empire-Kommoden und Biedermeierschränken und suchten nach dem Verlorenen Knopf. Am eifrigsten suchte ich selber, und häufig drückte

sogar Paul, der jüngste meiner Brüder, die Bügelfalten seiner neuen Hosen platt. Wir machten ein Spiel daraus, jagten

um Sessel und Tischbeine, als sei so ein Knopf ein fliehendes Karnickel, wir stießen die Köpfe gegeneinander und

grinsten uns an, denn Paul kannte mein Geheimnis und hütete es. Wenn nämlich ich so glücklich war, den vermissten Knopf zu finden, so schloss ich schnell die Hand um diese Beute, und suchte eifrig weiter, bis man aufgab und sich mit

dem Verlust abfand, ich wusste, was dann stets geschah. Alle gleichgeformten Verwandten des Verlorenen wurden von

dem betreffenden Kleidungsstück abgeschnitten, bezogen einen Ruhesitz in der Schatulle, und ich hatte eine neue

Familie von höherem Stand. Immer fügten sie sich in Sippschaften und Großfamilien, ich erkannte die Ähnlichkeit von Vettern und Cousinen, was nicht blutsverwandt war, war angeheiratet und hing über drei Knöpfe wieder mit diesen zusammen. Nur Joseph nicht. Der war einzig und blieb allein und hatte keine Brüder.

 

Nicht einmal eine Öse hatte er an seiner Unterseite, somit bestand keinerlei Hoffnung, ihn jemals wieder mit Stoff zu verbinden. Hat er überhaupt einmal eine Öse gehabt? War er nicht so wenig mit den anderen verwandt, dass er nur äußerlich erschien wie ein Knopf, in Wahrheit aber keiner war, niemals einer gewesen war und nur an seiner Oberseite

als ein solcher auftrat, weil er denn doch irgendwo, wenn schon nicht an einem Kleidungsstück so in jener Schatulle,

ein Domizil haben musste. War es so? Es war nicht so. An seiner Unterseite verblieb die Stelle, wo die Öse abgerissen

war, eine Wunde, die eindeutig bewies, hier war einmal etwas gewesen, Joseph war ein Knopf wie die anderen Knöpfe

auf dieser oder jener Seite der Schatulle.

 

Ich gab ihm eine eigene Kammer, denn Joseph war nicht besonders beliebt. Er brachte Unruhe in das feste Gefüge der Sippschaften und Familien. Oft kollerten ein paar bislang nicht unangenehm aufgefallene Silber- oder Elfenbeinknöpfe

aus ihrem Stammsitz in Josephs einsames Domizil, es war als ob er sie anziehe, ja, einige der durchlöcherten Scheiben sprangen über die Barriere ins andre Abteil, in Josephs roten Samt, und manchmal, wenn ich nicht gut aufpasste, fiel er

mir gar selber in die rechte Hälfte, in das Gedränge der Durchbohrten, wo er doch überhaupt nicht hingehörte. Oder?

 

Einige gab es auf der samtenen Seite der Schatulle, die Joseph etwas weniger fremd schienen. Sie waren Schmuck

gewesen zwischen Rüschen und Falten, zur puren Zierde aufgenäht und hatten sich niemals durch die Enge eines Knopflochs zwängen müssen. War Joseph einmal einer von denen gewesen? Wenn ich auf seinen Sternenhimmel

blickte, glaubte ich es. Wenn er mir aber, mal wieder, unter die Durchlöcherten gefallen war und ich befremdlich

lange, darin wühlen musste, bis ich ihn endlich wiederfand, dann spürte ich, dass er sehr wohl wusste, was ein

Knopfloch war.

 

Einen bösen Traum hatte ich in meiner schönen Welt. Es kamen viele Gäste in das Haus meiner Eltern, und unter

diesen hatte ich Männer gesehen, die kaum Haare auf dem Kopf hatten, einige gar keine, nur einen ziemlich

ergrauten Streifen fast im Genick.

 

„Das ist so, wenn man älter wird“, hatte die Mutter erklärt und sogleich in meine erschrockenen Augen getröstet:

 

„Nur bei Männern. Deinen schwarzen Haaren wird nichts schlimmeres geschehen als dass sie grau werden.“

 

Das hatte mich nur wenig beruhigt. Paul also würden - vielleicht - die blonden Haare ausgehen, wie schrecklich,

wie furchtbar, wie vollkommen unvorstellbar. Das war mein böser Traum. Er wurde niemals Wirklichkeit. Paul verlor

seine Haare nicht. Er starb mit 21 Jahren an einem Sonntag im Winter.

 

Aber ich hatte auch einen herrlichen Traum. Ich musste nur Joseph aus der Schatulle nehmen, und schon spannen

und webten meine Gedanken einen Stoff um den Knopf, einen bunten Rock, und es war jener, den Jakob seinem Lieblingssohn Joseph schenkte.

 

Paul hatte mir die Geschichte von Joseph erzählt. Paul war gerne Jude. Damals konnte man einigermaßen unbeschadet

Jude sein und reich dazu. Von dem „Hepp! Hepp, Jud!“ das die anderen Kinder meinen Schwestern nachriefen, wusste

ich nichts, ich ging ja noch nicht zur Schule.

 

Damals geschah in Deutschland nichts Bedenklicheres, als dass unverhältnismäßig viele Dichter geboren wurden. Das freilich ist immer ein alarmierendes Zeichen, denn wenn die alle einmal so 20, 30, 40 Jahre alt sind, dann wollen sie ja

alle etwas zu dichten haben, etwas zu klagen, zu leiden, Lob- und Jubeljahre machen Bücher nicht voll und fett. Man

kann das also leicht vorhersagen: Wenn unverhältnismäßig viele Dichter geboren werden, dann müssen in 30, 40 Jahren

die schlimmsten Katastrophen geschehen. Wenn man sie nur erkennen könnte gleich in der Wiege, die neuen Dichter,

man könnte ihnen Schilfrohrkörbchen flechten und sie auf Flüssen aussetzen, man könnte sie wilden Tieren zum Fraße vor- oder sie rechtzeitig ins Feuer werfen. Aber - was wenn die Katastrophen nach 40 Jahren trotz der rechtzeitig gemordeten Dichter ausbrächen? Und keine Verse wären da, keine Reime, die das Ungeheuerliche wenigstens in

Strophen auffangen, der Nachwelt in die Lesebücher drucken, die lernt’s auswendig, behält die Reime, vergisst das

Unglück, ach, vielleicht doch, vielleicht hätte man mich doch rechtzeitig verbrennen sollen - auf welche Weise hätte

ich mehr, hätte ich weniger gelitten? 60 Jahre später brannten meine Bücher.

 

Damals brannte nichts als der schwarze Knopf in meiner Hand und das leuchtende Rot in Josephs buntem Rock, den

Vater Jakob ihm schenkte, und die Eifersucht in den Herzen seiner Brüder, die den Liebling des Vaters nach Ägypten verkauften, und den bunten Rock mit dem Blut eines Schafes tränkten und dem Vater sagten:

 

„Sieh, ist das nicht Josephs Rock? Das ist alles, was wir von ihm fanden. Ein wildes Tier muss ihn gefressen haben.“

 

Wusste ich, dass der bunte Rock, den ich mir erträumte, den ich um mich schlang, den ich am Hals verschloss mit

einem schwarzen Knopf, nachtschwarz mit goldenen Punkten, mit goldenen Punkten wie Sterne, wusste ich, dass die leuchtenden Farben durchtränkt waren vom Blut eines Schafes, vom Verbrechen der Brüder? Ich wusste es, aber ich

dachte nicht daran. Sonst wäre der Traum von Josephs buntem Rock nicht der schönste und der von Pauls Glatze nicht

der böseste meiner Träume gewesen.